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Individual- und Branchensoftware richtig vergleichen

Ob Individualsoftware oder Branchensoftware die bessere Wahl ist, entscheidet sich oft erst in der Fünfjahresrechnung aller Kosten und Umwege.

Porträtfoto von Thomas

Inhaber und Gründer

7 Min. Lesezeit

Vergleich

Zwei Personen zeigen auf einen Laptop mit einer Folie „Business Plan“, auf dem Holztisch liegen Haftnotizen
Zwei Personen zeigen auf einen Laptop mit einer Folie „Business Plan“, auf dem Holztisch liegen Haftnotizen
Zwei Personen zeigen auf einen Laptop mit einer Folie „Business Plan“, auf dem Holztisch liegen Haftnotizen

Das Wichtigste in Kürze

  • Standardsoftware passt, wo Ihre Abläufe denen tausender anderer Unternehmen gleichen, individuelle Software dort, wo ein Prozess Ihr Geschäft wirklich unterscheidet.

  • Vergleichen Sie beide Wege über fünf Jahre mit allen Kosten: Eine halbe Stunde Umweg täglich ergibt bei fünf Personen über ein Jahr mehr als 600 Arbeitsstunden.

  • Am häufigsten funktioniert eine Mischung: Ihr bestehendes System bleibt, und gezielte Module oder Schnittstellen ergänzen genau das, was fehlt.

Irgendwann steht in fast jedem wachsenden Unternehmen dieselbe Frage im Raum: Kaufen wir eine fertige Lösung von der Stange oder lassen wir etwas bauen, das genau zu unseren Abläufen passt? Die Antwort darauf entscheidet oft für die nächsten fünf bis zehn Jahre darüber, wie flüssig die tägliche Arbeit läuft. Und sie wird erstaunlich häufig aus dem Bauch heraus getroffen.

Der zentrale Unterschied lässt sich in einem Satz fassen: Bei Standardsoftware passen Sie Ihre Prozesse an das Produkt an, bei einer individuellen Software passt sich das Produkt an Ihre Prozesse an. Alles Weitere, also Kosten, Einführungszeit, Wartung und Datenhoheit, sind Konsequenzen aus diesem einen Grundsatz.

Wo Standardsoftware klar die bessere Wahl ist

Fangen wir mit der ehrlichen Seite an, denn ein Artikel, der nur eine Richtung kennt, hilft bei einer Grundsatzentscheidung niemandem weiter.

Überall dort, wo Ihre Abläufe denen tausender anderer Unternehmen gleichen, ist Standardsoftware schwer zu schlagen. Buchhaltung, Lohnabrechnung, E-Mail, Dokumentenablage, Kalender: Diese Bereiche sind gesetzlich oder praktisch so stark normiert, dass eine Eigenentwicklung reine Geldverbrennung wäre. Niemand sollte eine eigene Finanzbuchhaltung programmieren lassen, nur weil die Kontenrahmen im Standard eine Spur anders heißen.

Dazu kommt ein Argument, das oft unterschätzt wird: Bei etablierter Branchensoftware zahlen viele Kunden gemeinsam die Weiterentwicklung. Gesetzesänderungen, neue Schnittstellen zu Behörden, Sicherheitsupdates, all das kommt mit dem nächsten Release. Diese Last würden Sie bei einer reinen Eigenentwicklung allein tragen.

Standardsoftware ist außerdem schnell da. Lizenz buchen, installieren, einrichten, schulen. Eine passgenaue Entwicklung braucht dagegen eine Analysephase, bevor überhaupt die erste Zeile Code entsteht. Wer in sechs Wochen produktiv sein muss, hat selten eine echte Wahl.

Die Rechnung, die selten jemand aufmacht

Interessant wird es dort, wo die Vergleichsrechnung nicht beim Kaufpreis endet. Genau das ist der häufigste Fehler. Standardsoftware wirkt in der Anschaffung günstig, weil die Kosten, die danach kommen, in keinem Angebot stehen.

Da sind erstens die laufenden Lizenzen. Nahezu alle relevanten Anbieter haben in den letzten Jahren auf Abo-Modelle umgestellt. Pro Nutzer, pro Monat, mit regelmäßigen Anpassungen nach oben. Wir haben das Thema am Beispiel der Preisentwicklung bei Microsoft 365 ausführlich beschrieben: Was heute kalkulierbar aussieht, ist in fünf Jahren eine andere Zahl. Über die Laufzeit gerechnet summieren sich Lizenzen bei zwanzig Arbeitsplätzen schnell zu Beträgen, für die man andernorts ein ganzes Projekt finanziert.

Zweitens die Umwege im Arbeitsalltag. Das sind die Kosten, die nirgendwo auftauchen, weil sie aus zehn Minuten hier und fünfzehn Minuten dort bestehen. Der Mitarbeiter, der jeden Morgen eine Liste aus dem Warenwirtschaftssystem exportiert, sie in Excel aufbereitet und dann per Mail verschickt. Die Kollegin, die Auftragsdaten händisch in ein zweites Programm überträgt, weil es keine Verbindung gibt. Rechnen Sie das einmal hoch: Eine halbe Stunde täglich, bei fünf Personen, ergibt über ein Jahr mehr als 600 Arbeitsstunden. Das ist kein Rundungsfehler, das ist eine Viertelstelle.

Drittens die doppelte Datenpflege, der gefährlichste Posten. Jede Information, die an zwei Stellen gepflegt wird, driftet irgendwann auseinander. Dann steht die Frage im Raum, welcher Lagerbestand jetzt stimmt, und die Antwort kostet Zeit, Nerven und manchmal einen Kunden.

Was eine individuelle Software wirklich leistet

Eine individuell entwickelte Lösung setzt genau an diesen Stellen an. Sie bildet den Ablauf ab, den Sie ohnehin leben, statt ihn in ein fremdes Korsett zu zwängen. Das klingt nach Luxus, ist aber oft schlicht die günstigere Variante, sobald ein Prozess Ihr Geschäft wirklich unterscheidet.

Die Flexibilität ist der offensichtliche Vorteil. Wenn sich Ihr Geschäftsmodell ändert, ändern Sie die Software mit. Bei einer Standardlösung warten Sie darauf, dass genügend andere Kunden dieselbe Funktion wünschen, und hoffen auf das übernächste Release.

Der zweite Vorteil betrifft die Datenhoheit. Sie bestimmen, wo die Daten liegen, wer sie sieht und in welchem Format sie Sie wieder verlassen. Das ist kein akademisches Thema. Die Frage, wie Unternehmensdaten in Rechenzentren außerhalb Europas zu bewerten sind, beschäftigt viele Geschäftsführer, wir haben sie im Beitrag zu US-Cloud und DSGVO aufgearbeitet. Bei einer eigenen Anwendung treffen Sie diese Entscheidung selbst, statt sie in den Nutzungsbedingungen eines Anbieters nachzulesen.

Nicht verschweigen sollte man die Schattenseiten. Eine individuelle Lösung braucht einen Partner, der sie dauerhaft pflegt. Sie braucht eine saubere Dokumentation, damit ein Wechsel möglich bleibt. Und sie braucht einen Auftraggeber, der weiß, was er will, denn die beste Entwicklungsleistung rettet keine unklare Zielsetzung. Wer Software entwickeln lassen möchte, sollte diese drei Punkte vorher klären, nicht hinterher. Wie man übrigens generell vermeidet, sich in Abhängigkeiten zu begeben, beschreiben wir im Artikel über den Wechsel des IT-Dienstleisters.

Der dritte Weg, der in der Praxis am häufigsten funktioniert

Die Entscheidung wird meist als Entweder-oder diskutiert, und genau das ist der Denkfehler. In den allermeisten Projekten, die wir begleiten, ist die richtige Antwort eine Mischung.

Das Prinzip ist einfach: Das bestehende System bleibt. Ihre Warenwirtschaft, Ihr Branchenprogramm, Ihr ERP bleiben die führende Datenquelle, mit allen Updates und allem Support des Herstellers. Darum herum entsteht gezielt das, was fehlt. Ein Modul, das die Angebotserstellung automatisiert. Ein Portal, über das Kunden ihre Aufträge selbst einsehen. Eine Schnittstelle, die den morgendlichen Excel-Export überflüssig macht, weil die Daten einfach dort ankommen, wo sie gebraucht werden.

Der Reiz dieses Ansatzes liegt im überschaubaren Risiko. Sie stellen nicht Ihr komplettes Unternehmen auf eine neue Software um, sondern lösen ein konkretes Problem mit einem klar abgegrenzten Projekt. Scheitert es, haben Sie ein Modul verloren und nicht Ihren Betrieb. Funktioniert es, kommt das nächste. Genau so gehen wir in der Software-Entwicklung vor: erst verstehen, wo es im Alltag tatsächlich klemmt, dann den kleinsten sinnvollen Schritt bauen.

Voraussetzung dafür ist allerdings, dass das Grundsystem überhaupt erreichbar ist. Und hier wird es für viele Unternehmen unerwartet technisch.

Warum die Infrastruktur über die Softwarefrage mitentscheidet

Eine Erweiterung kann nur funktionieren, wenn sie zuverlässig mit dem bestehenden System sprechen kann. Steht Ihr Warenwirtschaftssystem auf einem Server im Büro, läuft diese Kommunikation über die Internetleitung Ihres Standorts, über eine Firewall, die jemand konfiguriert haben muss, und über eine Hardware, deren Wartungsvertrag irgendwann ausläuft. Jedes neue Modul, jeder Außendienstzugriff, jede Anbindung eines zweiten Standorts erhöht die Komplexität an genau dieser Stelle.

Wir sehen das regelmäßig: Ein durchdachtes Softwareprojekt scheitert nicht an der Software, sondern daran, dass niemand sagen kann, wie die neue Anwendung von außen sicher an die Datenbank im Keller kommt. Wie schnell eine lokale Infrastruktur zum Bremsklotz wird, beschreiben wir im Beitrag darüber, wann IT-Infrastruktur dem Firmenwachstum im Weg steht.

An dieser Stelle lohnt sich der Blick auf den Remote-Arbeitsplatz. Er funktioniert im Kern wie ein klassischer Terminal-Server, nur dass die Systeme nicht in Ihrem Haus stehen, sondern in Microsoft-Rechenzentren in Deutschland betrieben werden. Ihre Branchensoftware ist einmal zentral installiert, alle Anwender arbeiten darauf, und die Oberfläche bleibt dieselbe Windows-Umgebung, die Ihr Team seit Jahren kennt.

Für Softwareprojekte verändert das die Ausgangslage spürbar. Die Anwendung und die zusätzlich entwickelten Bausteine laufen in derselben Umgebung, mit kurzen Wegen zur Datenbank, ohne dass Daten über eine schwankende Büroleitung müssen. Neue Nutzer bekommen Zugriff, ohne dass jemand einen Rechner aufsetzt. Und wenn das neue Modul mehr Leistung braucht, wird Leistung dazugebucht, statt ein Angebot für einen neuen Server einzuholen. Was den Alltag dabei konkret einfacher macht, haben wir auf der Seite Was ist ein Remote-Arbeitsplatz zusammengefasst, und ein nüchterner Vergleich der Betriebsmodelle hilft bei der Einordnung.

Dass das auch mit anspruchsvoller Branchensoftware funktioniert, zeigt sich in der Praxis: Wie etwa JTL-Wawi auf dem Remote-Arbeitsplatz betrieben wird, haben wir gesondert beschrieben.

Die Fünfjahresrechnung

Vergleichen Sie niemals nur die Anschaffung. Stellen Sie beide Wege über fünf Jahre gegenüber, und zwar mit allen Positionen.

Auf der Seite der Standardlösung: Lizenzkosten pro Nutzer über 60 Monate, mit einem realistischen Aufschlag für Preisanpassungen. Dazu Einführung und Schulung, Kosten für Anpassungsmodule des Herstellers, der jährliche Wartungsvertrag und der Aufwand für jene manuellen Umwege, die das System nicht abbildet. Dieser letzte Posten ist unbequem zu schätzen, aber er ist meistens der größte.

Auf der Seite der individuellen Lösung: die einmalige Entwicklung, eine realistische Position für Pflege und Weiterentwicklung pro Jahr, die Infrastruktur, auf der das Ganze läuft, und eine Reserve für Anpassungen, die heute noch niemand kennt.

Wenn Sie beide Spalten ehrlich füllen, dreht sich das Bild häufig irgendwo zwischen dem zweiten und dritten Jahr. Nicht immer, aber oft genug, dass sich die Rechnung lohnt. Entscheidend ist der Umfang: Je kleiner und klarer abgegrenzt das individuell entwickelte Stück ist, desto früher kippt die Bilanz zu seinen Gunsten. Wer dabei systematisch vorgehen will, findet in unserem Beitrag zur IT-Budgetplanung eine brauchbare Struktur, und warum viele Unternehmen bei solchen Rechnungen danebenliegen, beschreiben wir unter IT falsch kalkuliert.

Drei Fragen, die die Entscheidung meistens klären

Erstens: Ist der betroffene Prozess ein Wettbewerbsvorteil oder reine Verwaltung? Verwaltung gehört in den Standard. Was Sie von Ihren Mitbewerbern unterscheidet, sollte nicht davon abhängen, was ein Hersteller in seiner Roadmap vorgesehen hat.

Zweitens: Wie viele Arbeitsstunden kostet uns der aktuelle Umweg pro Monat? Wenn Sie diese Zahl nicht kennen, erheben Sie sie zwei Wochen lang. Sie ist meistens höher als geschätzt und sie macht die Diskussion sachlich.

Drittens: Was passiert, wenn wir das Problem weitere drei Jahre aussitzen? Prozesse, die auf Excel-Dateien und Gewohnheiten beruhen, hängen an einzelnen Personen. Verlässt diese Person das Unternehmen, geht das Wissen mit. Das ist ein Risiko, das in keiner Kostentabelle steht und trotzdem teuer werden kann.

Am Ende ist es keine Glaubensfrage, sondern eine Rechenaufgabe mit ein paar unbequemen Variablen. Die wenigsten Unternehmen brauchen eine komplett maßgeschneiderte Welt. Sehr viele brauchen aber genau ein oder zwei passgenaue Bausteine an der Stelle, an der der Standard nicht mitkommt, auf einer Infrastruktur, die das zuverlässig trägt.

Wenn Sie gerade vor dieser Entscheidung stehen, schauen wir uns das gerne gemeinsam an. In einem Gespräch lässt sich meist in einer halben Stunde einschätzen, ob Ihr Fall eher in Richtung Standard, Erweiterung oder Eigenentwicklung geht. Unsere IT-Beratung beginnt genau hier, und über unser Kontaktformular erreichen Sie uns direkt. Ohne Verkaufsgespräch, mit einer ehrlichen Einschätzung, auch wenn die lautet, dass Ihre bestehende Lösung völlig in Ordnung ist.

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