
Ein Arbeitsplatz in der Cloud steht und fällt mit der Antwortzeit der Remoteverbindung. Jeder Tastendruck und jede Mausbewegung legt den Weg vom eigenen Gerät ins Rechenzentrum und wieder zurück, bevor sich auf dem Bildschirm etwas ändert. Diese Verzögerung heißt Latenz.
Vor einem Umstieg hören wir deshalb eine Frage häufiger als jede andere: Ist das schnell genug? Um sie mit Zahlen zu beantworten, haben wir die Diagnosedaten der von uns betreuten Remote-Arbeitsplätze auf Basis von Azure Virtual Desktop ausgewertet. Die Mitarbeitenden verbinden sich dabei über die Windows App von Microsoft per Remote Desktop Protocol (RDP) mit ihrem Arbeitsplatz im Rechenzentrum. In 30 Tagen sind mehr als 218.000 Messwerte zur Latenz zusammengekommen, ergänzt um Angaben zur Bandbreite und zur Anmeldedauer. Ausgewertet wurden ausschließlich zusammengefasste Werte.
Was die Latenz bei Azure Virtual Desktop misst
Gemessen wird die Round Trip Time, kurz RTT: die Zeit, die ein Datenpaket vom Endgerät bis zum Sitzungshost im Rechenzentrum und wieder zurück braucht. Umgangssprachlich wird dieser Wert oft Ping genannt. Azure Virtual Desktop erfasst die RTT während jeder Remotedesktopverbindung laufend, in unseren Daten etwa alle zwei Minuten. Sie bildet den Netzweg ab, also Internetanschluss, Provider und die Strecke bis ins Rechenzentrum. Beim Arbeiten kommen die Zeiten für das Kodieren des Bildes im Rechenzentrum und das Darstellen auf dem Endgerät hinzu.
Microsoft gibt an, dass Büroarbeit bis zu einer Antwortzeit von 150 Millisekunden uneingeschränkt flüssig läuft. Zwischen 150 und 200 Millisekunden bleibt Textarbeit gut möglich, darüber wird die Verzögerung spürbar. Zum Vergleich: Ein Lidschlag dauert 100 bis 400 Millisekunden.
Latenz der Remoteverbindung: 95 Prozent unter 40 Millisekunden

Die Verteilung hat zwei Schwerpunkte: Knapp ein Drittel der Messwerte liegt unter 10 Millisekunden, ein weiteres knappes Drittel zwischen 30 und 40 Millisekunden. Die beiden Gipfel gehen auf unterschiedliche Standorte und deren Anbindung zurück, mehr dazu in den folgenden Abschnitten. Über alle Messungen liegen 95 Prozent unter 40 Millisekunden und 99,8 Prozent unter 100 Millisekunden. Die Marke von 150 Millisekunden erreichen 0,1 Prozent der Messwerte.
Unterschiede zwischen den Unternehmen
Je nach Unternehmen liegt der Median der Antwortzeit zwischen 7 und 32 Millisekunden, im Durchschnitt aller Unternehmen bei 20 Millisekunden. Auch das langsamste Prozent der Messwerte, das 99. Perzentil, bleibt überall unter 75 Millisekunden.

Beide Extremwerte liegen weit unter der von Microsoft genannten Grenze. Für die Praxis zählt vor allem die Stabilität, und die ist gegeben: Auch die langsamsten Messwerte bleiben in jedem Unternehmen im unkritischen Bereich.
Der Weg ins Microsoft-Netz entscheidet
Bei Verbindungen über TCP gelangt der Datenverkehr über ein Gateway von Azure Virtual Desktop ins Microsoft-Netz. Welches Gateway das ist, ergibt sich aus dem Routing des jeweiligen Internetanbieters. Die Arbeitsplätze unserer Kunden laufen in der Azure-Region Germany West Central in Frankfurt, die Verbindungen erreichen das Microsoft-Netz aber an unterschiedlichen Orten.
Bei einem Teil der Unternehmen lief der Großteil der Verbindungen über einen Zugangspunkt in Berlin. Über diesen Weg lag der Median bei 31 bis 33 Millisekunden, bei denselben Unternehmen über Frankfurt oder Amsterdam bei 21 bis 26 Millisekunden. Das schnellste Unternehmen der Auswertung erreichte das Microsoft-Netz durchgehend über Frankfurt oder Amsterdam und kam auf 7 bis 8 Millisekunden.
Die Leitung am Standort ist also nur ein Teil der Rechnung. Wie gut ein Anbieter mit Microsoft verbunden ist, beschreibt das Peering, das wir in einem eigenen Beitrag über Peering erklären.
Neben TCP kann Azure Virtual Desktop die Remoteverbindung direkt über UDP aufbauen, Microsoft nennt das RDP Shortpath. Microsoft beschreibt UDP als zuverlässiger und mit gleichmäßigerer Latenz. In den Umgebungen unserer Auswertung, in denen beide Verfahren vorkamen, lagen sie beim Median der Antwortzeit gleichauf.
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Stabile Werte über den Arbeitstag
Eine verbreitete Sorge lautet: Wenn morgens alle gleichzeitig loslegen, wird es eng. Die Messwerte zeigen ein ruhiges Bild. Der Median liegt an Werktagen zwischen 7 und 20 Uhr durchgehend zwischen 16 und 27 Millisekunden, das 95. Perzentil zwischen 38 und 45 Millisekunden. Das gilt auch um 10 Uhr, wenn die meisten Menschen verbunden sind.

Die Delle um 16 Uhr ist ein Effekt der Zusammensetzung: Zu dieser Zeit stammen anteilig mehr Messwerte aus dem Unternehmen mit der kürzesten Anbindung. Abends steigt das 95. Perzentil leicht auf 45 Millisekunden.
Windows App, Mac und Browser
Für den Zugriff auf Azure Virtual Desktop stellt Microsoft die Windows App bereit, den Nachfolger des Remotedesktop-Clients. Sie läuft unter Windows, macOS, iOS und Android, zusätzlich gibt es den Zugang über den Browser. In unserer Auswertung stammen 98 Prozent aller Messwerte aus Verbindungen über die Windows App auf Windows-Geräten. Die Windows App für Mac und der Zugang über den Browser machen zusammen knapp 2 Prozent aus.
Für den täglichen Einsatz empfehlen wir die Windows App. Sie unterstützt mehrere Monitore und den Verbindungsaufbau über UDP. Der Browser eignet sich für den schnellen Zugriff von einem fremden Gerät.
Verfügbare Bandbreite
Neben der Antwortzeit schätzt Azure Virtual Desktop die verfügbare Bandbreite einer Verbindung. In 92 Prozent der Messungen waren es mindestens 50 Mbit/s, in gut zwei Dritteln mindestens 100 Mbit/s.

Benötigt wird davon nur ein Bruchteil, denn übertragen werden lediglich Bildschirminhalte und Eingaben. Laut Microsoft kommt die Arbeit in Word mit 0,1 bis 0,15 Mbit/s aus, Surfen im Browser mit etwa 6 Mbit/s. Für typische Büroarbeit ist die Bandbreite damit selten der begrenzende Faktor.
Anmeldedauer bei Azure Virtual Desktop
Zur wahrgenommenen Geschwindigkeit gehört auch die Anmeldung. Bei einer neuen Sitzung prüft Azure Virtual Desktop die Anmeldung, lädt das Benutzerprofil über FSLogix und startet die Arbeitsoberfläche. Das dauerte im Median 19 Sekunden. Wer sich mit einer bereits laufenden Sitzung verbindet, etwa nach der Mittagspause oder einem Termin, ist nach 9 Sekunden wieder an seinem Arbeitsplatz, mit allen geöffneten Programmen und Dokumenten.

Latenz der eigenen Remoteverbindung prüfen
In der Windows App lässt sich die Verbindungsqualität direkt ablesen: Die Verbindungsinformationen in der Verbindungsleiste zeigen das Übertragungsprotokoll, also TCP oder UDP, die Round Trip Time und die verfügbare Bandbreite. Für eine dauerhafte Auswertung erfasst Azure Virtual Desktop dieselben Werte in den Diagnosedaten. Administratoren sehen sie im Azure-Portal unter Azure Virtual Desktop Insights, getrennt nach Hostpool, Benutzer und Zeitraum.
Ein einfacher Ping auf eine beliebige Internetadresse misst einen anderen Weg und taugt deshalb höchstens als grober Anhaltspunkt.
Welche Internetgeschwindigkeit braucht ein Remote-Arbeitsplatz?
Dass ein gewöhnlicher Anschluss genügt, liegt an der Architektur. Bei einem Remote-Arbeitsplatz laufen Programme und Daten gemeinsam im Rechenzentrum, über die Internetleitung gehen nur das Bild und die Eingaben. Ein Programm, das ständig mit seiner Datenbank spricht, führt diese Gespräche im Rechenzentrum auf kürzestem Weg. Warum das gerade für Branchensoftware zählt, beschreibt unser Beitrag zur Warenwirtschaft in der Cloud.
Aus unserer Erfahrung mit vielen Standorten: Ein stabiler DSL-Anschluss reicht für die tägliche Arbeit aus. Glasfaser ist immer die beste Wahl, wenn der Anbieter gut mit Azure verbunden ist. Am stärksten schwanken Kabelanschlüsse, also Internet über das Fernsehkabel: Dort teilen sich viele Anschlüsse in der Nachbarschaft dieselbe Leitung.
Eine Grenze gibt es bei Videos. Bewegte Bilder brauchen laut Microsoft 8,5 bis 9,5 Mbit/s, ein Vielfaches einer Textverarbeitung, und reagieren als Erstes auf Schwankungen der Leitung. Wer viel mit Videos arbeitet, sollte das vorab an einer echten Umgebung testen.
Was bei einem Ausfall der Leitung im Büro passiert, beschreibt der Beitrag Internetausfall im Büro.
Empfehlungen für die Praxis
Antwortzeit messen lassen
Antwortzeit und Anmeldedauer lassen sich für jede Umgebung mit Azure Virtual Desktop erfassen. Ein Anbieter sollte diese Werte für Ihre Arbeitsplätze vorlegen können.
Auf eine stabile Leitung achten
Eine stabile Leitung mit kurzer Antwortzeit zählt mehr als die höchste Bandbreite im Tarif. Für Büroarbeit reicht ein stabiler DSL-Anschluss.
Anbindung des Providers prüfen
Wo der Datenverkehr ins Microsoft-Netz gelangt, beeinflusst die Antwortzeit messbar. Bei der Wahl eines Glasfasertarifs lohnt der Blick auf das Peering des Anbieters.
Typische Ursachen für eine langsame Remoteverbindung
Wenn sich eine Remotedesktopverbindung zäh anfühlt, liegt die Ursache meist auf dem Weg zwischen Endgerät und Rechenzentrum. Aus unserem Support kennen wir vor allem diese Fälle:
Das WLAN am Arbeitsplatz hat schwachen Empfang. Ein Netzwerkkabel oder ein Access Point in der Nähe hilft schnell.
Der Kabelanschluss schwankt am Abend, wenn in der Nachbarschaft viel gestreamt wird.
Der Internetanbieter leitet den Datenverkehr über einen Umweg ins Microsoft-Netz. Die Antwortzeit steigt dann auch bei schneller Leitung.
In der Sitzung laufen Videos oder Animationen. Bewegte Bilder brauchen ein Vielfaches der Bandbreite.
Große Downloads oder Updates im Büronetz belegen die Leitung, über die auch die Remoteverbindung läuft.
Die Windows App ist veraltet. Aktuelle Versionen verbessern regelmäßig die Verbindung.
Fazit
Die Messwerte bestätigen unsere Erfahrungen aus der Praxis: Azure Virtual Desktop erreicht im Büroalltag Antwortzeiten von wenigen Dutzend Millisekunden, stabile Werte auch zur Hauptarbeitszeit und eine Anmeldung in unter 20 Sekunden. Den größten Einfluss hat der Weg des Datenverkehrs ins Microsoft-Netz, die Bandbreite spielt für Büroarbeit eine untergeordnete Rolle. Was hinter unserem Angebot steckt, erklären wir auf der Seite Was ist ein Remote-Arbeitsplatz.
Häufige Fragen zu Latenz und Azure Virtual Desktop
Brauche ich für einen Remote-Arbeitsplatz Glasfaser?
Ein stabiler DSL-Anschluss reicht in der Regel aus. In 92 Prozent unserer Messungen standen mindestens 50 Mbit/s zur Verfügung, benötigt wird für Büroarbeit deutlich weniger. Glasfaser ist die beste Wahl, wenn der Anbieter gut mit Azure verbunden ist.
Wie messe ich die RDP-Latenz?
In der Windows App zeigen die Verbindungsinformationen in der Verbindungsleiste die Round Trip Time, die Bandbreite und das Übertragungsprotokoll. Werte unter 100 Millisekunden sind sehr gut, bis 150 Millisekunden läuft Büroarbeit laut Microsoft flüssig.
Was ist RDP Shortpath?
RDP Shortpath ist der Verbindungsaufbau über UDP. Azure Virtual Desktop startet jede Verbindung über TCP und wechselt auf UDP, sobald das möglich ist. Microsoft beschreibt UDP als zuverlässiger und mit gleichmäßigerer Latenz.
Funktioniert das auch im Homeoffice?
Ja. Ein Teil der Messwerte stammt aus dem Homeoffice, und 99,8 Prozent aller Messwerte liegen unter 100 Millisekunden. Ein gewöhnlicher Internetanschluss zu Hause reicht aus.
Was passiert, wenn das Internet ausfällt?
Die Sitzung läuft im Rechenzentrum weiter. Sobald die Verbindung wieder steht, geht es dort weiter, wo die Arbeit unterbrochen wurde, auch von einem anderen Gerät oder über einen mobilen Hotspot.
